Hounds Of The Wild Hunt



Es war die Hölle. Eine mit Lichtkugeln geschmückte, nach Zimt duftende, Weihnachtslieder raunende Hölle.

Die kleine Gasse war überfüllt mit Menschen, unter surrenden Wärmespendern standen sie beisammen, Dampf stieg aus den Tassen in ihren Händen. Der süße Geruch von Punsch und Glühwein kroch Ella in die Nase. Sie hielt den Blick stur zu Boden gerichtet, während sie sich an den Menschen vorbei drängte. Die völlig übertriebene Beleuchtung tat ihr in den Augen weh. Am schlimmsten waren die blinkenden Lichter, schlimmer noch als die bunten. Zuhause würde sie weder Fernseher noch Licht anschalten und in völliger Stille und Dunkelheit sitzen, um die Reizüberflutungen dieses langen Tages aus ihrem Nervensystem zu vertreiben. Immer noch spürte sie den Druck des Haarreifens an ihren Schläfen. So stark, dass sie sich an den Kopf griff, weil sie befürchtete, dieses lächerliche Ding noch immer zu tragen. Ein Weihnachtsbaum aus Plastik! Am Kopf! Beim bloßen Gedanken daran stieß sie ein ärgerliches Zischen aus. Der fremde Mann, der sein Telefon auf die blinkende Weihnachtsbeleuchtung gerichtet hielt, sah sie irritiert an, als sie kopfschüttelnd an ihm vorbeimarschierte. Vielleicht hielt er es für undenkbar, bei all den schönen Lichtern schlechte Laune haben zu können. Ella bog in die nächste Gasse ein und wurde fast erschlagen von den ganzen Menschen, die dort entlangliefen. Ein Mann saß an der Ecke und spielte auf dem Akkordeon die Melodie von Jingle Bells. Hoffnungsvoll grinste der Musiker sie an. In seinem Instrumentenkoffer hatte sich erst ein jämmerlicher Haufen von Münzen gesammelt und Ella warf auch keine neuen dazu. Sie musste den Bus erwischen und hatte keine Zeit, im Rucksack nach ihrer Geldbörse zu kramen. Wie auf der Flucht bog sie in die nächste Gasse ein. Die Akkordeontöne folgten ihr, selbst das Rad, das eine Frau hinter ihr schob, fing an, im Takt von Jingle Bells zu scheppern. Ella wurde noch schneller, vergewisserte sich, dass keine Autos die Einbahn entlangkamen und lief über den Fußgängerüberweg. Sie atmete auf, als sie endlich den dunklen Bereich neben dem Fluss erreichte. Hier gab es weder Weihnachtslieder noch Beleuchtung und auch die Frau mit dem scheppernden Rad hatte sie abgehängt. Jetzt hörte sie nur noch den Lärm der vorbeiziehenden Autos, der ihr vergleichsweise ruhig, fast schon erholsam vorkam. 

Als sie die große Brücke überquerte, blieb sie kurz stehen. Der Mond stand am Himmel, war schon fast voll. Sie atmete tief ein, während ihr Blick sich im silbrigen Licht verfing und sie nur noch das laute Rauschen des Flusses hörte. Heute war der 21. Dezember, Wintersonnwende, die längste Nacht des Jahres. Ein seltsames Gefühl baute sich in ihr auf, fast als würde ihr die Nacht von einer uralten Magie erzählen. Einer ganz anderen Magie als jene, die in den blinkenden Lichtern und dem städtischen Weihnachtszirkus lag. Ella konnte es regelrecht auf der Zunge schmecken. Etwas Unergründliches, Erdiges, Raues und Dunkles. 

Eine Bewegung von rechts riss ihre Aufmerksamkeit vom Mond fort. Der Bus! Ella sprintete los. Sie würde eine halbe Stunde lang warten müssen, wenn sie diesen Bus verpasste. Ihr halbleerer Rucksack schlug ihr beim Rennen gegen den Rücken, während der Bus bereits in die Haltestelle einfuhr. Wenige Passagiere stiegen aus und die beiden, die an der Haltestelle gewartet hatten, verschwanden viel zu schnell im Inneren des Buses. Ella riss den Arm nach oben und winkte wie wildgeworden. „Bitte, warten! Bitte warten Sie!“ 

Die Türen blieben offen, völlig verschnauft erreichte Ella den Bus.

„Danke“, sagte sie der Fahrerin. Als Antwort erhielt sie nur ein genervtes Schnauben zurück. Ella ließ sich auf den erstbesten Sitz fallen, stellte den Rucksack zwischen ihren Füßen am Boden ab und lehnte den Kopf gegen die kalte Scheibe. Die nächsten fünfunddreißig Minuten konnte sie sich erstmal erholen. Die Wohnung am Stadtrand, gleich neben dem Wald, hatte sie sich eigentlich nur wegen Balu genommen. Auch ihren Job hatte sie mehr oder weniger seinetwegen gewählt. Immerhin war ihr die Stellenausschreibung aufgefallen, als sie für ihn Futter gekauft hatte. Damals war es ihr ideal erschienen, als Hundebesitzerin in einem Tierfutterladen arbeiten zu können. Da hatte sie auch noch keinen verdammten Weihnachtsbaum am Kopf tragen müssen, ganze acht Stunden am Tag. 

Mit jeder Haltestelle wurde es ruhiger im Fahrgastraum. Als sie die Endstation erreichten, saß Ella als Letzte im Bus. Sie schwang sich ihren Rucksack um die Schultern, murmelte der Fahrerin eine Verabschiedung zu und stieg aus. Mit einem leisen Zischen gingen hinter ihr die Türen zu, dann setzte sich der Bus in Bewegung. Bald verblassten die Lichter und Ella stand allein in der Dunkelheit. Ein kühler Windzug strich an ihrer Wange vorbei, wieder überkam sie das Gefühl dieser ursprünglichen, wilden Magie, welches sie schon zuvor auf der Brücke vernommen hatte. Sie blickte nach oben, auf den sternenklaren Nachthimmel, und marschierte los. Kaum war sie um die nächste Ecke, tauchte der Mond hinter den bewaldeten Hügeln auf. Wieder streifte ein Windzug an ihr vorbei. Es wären nur noch wenige Schritte die Straße hinab, dann hätte sie ihr Wohnungshaus erreicht, aber eigentlich wollte Ella gar nicht nach drinnen. Sie wollte weiterhin diese klare, kalte Luft an den Wangen fühlen und die Dunkelheit der Nacht genießen, ihre Magie spüren, so wie sie es früher mit Balu oft getan hatte.

Entschlossen bog sie von der Straße in den Wald ab und schlug einen Weg ein, den sie schon viel zu lange nicht mehr gegangen war. Den Weg zu Balus Grab. Der Mond schien so hell vom Himmel, dass sie den Pfad durch den Wald ohne Probleme fand. Der Anstieg wurde steiler, Ella öffnete ihre Jacke. Trotzdem erreichte sie verschwitzt den Gipfel, diese kleine Ebene, von der man bei Tage einen so schönen Ausblick hatte. Genau genommen war hier gar kein Grab, sie hatte nur Balus Asche verstreut, weil sie beide so gern hier oben gewesen waren. Als Denkmal hatte sie einen schweren Stein den ganzen Weg nach oben geschleppt. Von Balus Asche sah man nach mehr als zwei Jahren nichts mehr, aber der Stein war immer noch da. Ella blieb vor ihm stehen und atmete wehmütig ein. Es ist einfach nicht mehr dasselbe ohne dich, Balu. In diesem Moment wurde sie sich schmerzlich bewusst, wie wenig Freude ihr Leben ihr eigentlich bereitete. Jeden Tag der gleiche Trott, alles nur Routine. Keine Aufregung, kein Abenteuer. Als wolle die Welt ihr zustimmen, peitschte eine Windböe durch ihr Haar. Wie eine riesige, unsichtbare Hand zog der Wind weiter und rüttelte an den Ästen der Föhren um sie herum. Fröstelnd zog Ella den Reißverschluss ihrer Jacke wieder nach oben und stülpte sich die Kapuze über den Kopf. Eine zweite Böe fegte über die Ebene, ließ den gesamten Wald rauschen und knarren. Ella wurde mulmig zumute. Wenn jetzt ein Sturm aufzog, war es gefährlich im Wald. Sie sollte lieber so schnell wie möglich zurück. Ohne Zeit zu vergeuden, machte sie sich auf den Weg, doch kaum hatte sie die Ebene hinter sich gelassen, kehrte wieder Ruhe ein. Kein heulender Wind war mehr zu hören, keine knarrenden Äste. Ella seufzte erleichtert und wurde wieder langsamer, da erblickte sie vor sich etwas und augenblicklich versagten ihre Muskeln den Dienst. Sie blieb abrupt stehen, sogar der Atem stockte ihr. Eine Gestalt marschierte den Weg entlang. Ein Mann mit langem, weißem Bart und Haar, doch es konnte unmöglich ein Mensch sein. Ein unnatürlich, weißes Licht strahlte von dem Wesen, hüllte dessen gesamte Erscheinung ein. Der Schock lähmte Ellas Glieder, ungläubig starrte sie die gespenstische Gestalt an. Mit einem lauten Tacken schlug der Stock in der Hand des Mannes am gefrorenen Boden auf, als er einen weiteren Schritt auf Ella zutrat. Den Blick hielt er zu Boden gewandt, doch gerade hob er den Kopf. Ohne nachzudenken hechtete Ella zur Seite, mitten hinein ins Gebüsch. Sie unterdrückte einen Schrei, als sie ausrutschte und am Hintern aufschlug. Dann drehte sie sich herum, so leise es ihr möglich war, und blieb geduckt im Gebüsch liegen. Diese fürchterliche Gestalt durfte sie auf keinen Fall sehen. Mit hämmerndem Herzen spähte sie auf den Waldweg und presste sich voller Entsetzen die Hand auf den Mund, um bloß nicht zu schreien. Anmutig marschierte die weiß leuchtende Gestalt an ihr vorbei. Tack, tack, schlug sein Stock bei jedem Schritt am Boden auf. 

„Pssst!“, zischte es plötzlich an Ellas Ohr. 

Als sie den Kopf zur Seite drehte, blickte sie in das Gesicht eines fremden Mannes, der neben ihr am Boden lag. Ein Schrei bahnte sich den Weg aus ihrem Hals, sie erstickte ihn, indem sie ihre Hand noch fester auf den Mund drückte und auch der Fremde presste seine Hand über ihre. „Scht! Oder willst du, dass er uns findet?“ Prüfend sah der Typ sie an. Irgendetwas war seltsam an diesem Blick, aber Ella konnte nicht sagen, was genau es war. Überhaupt war es viel zu dunkel, um gut zu sehen. Das Einzige, das ihr deutlich auffiel, war der seltsame Mantel, den der Fremde trug. Es sah aus, als hätte er sich ein zotteliges Fell angezogen.

„Wirst du still sein, wenn ich die Hand wegnehme?“

Ella nickte steif.

„Gut.“ Langsam zog der Fremde seine Hand zurück. „Du kannst froh sein, dass er nicht viel hört und sieht, wenn er die Meute zusammenruft.“ Er schielte über die Schulter. Von der geisterhaften Gestalt war nichts mehr zu sehen, nur ein feiner, heller Lichtstrahl zeugte davon, dass der Geistermann gerade erst um die Kurve gebogen war. 

Ihre eigene Hand lag immer noch vor Ellas Mund, vor Anspannung hatte sie sich sogar in den Finger gebissen. Als es ihr bewusst wurde, führte sie ihre Hand zu Boden. „Wer bitte ist das?“, fragte sie flüsternd.

„Wode“, hauchte der Mann im Fellmantel. Bevor Ella eine nächste Frage stellen konnte, packte er sie am Arm und zog sie auf die Beine. „Komm mit, wir gehen dorthin, wo er uns nicht so schnell finden wird. Sei leise.“ Der Typ wandte sich zum Gehen. Ellas Körper versteifte sich erneut. Sie sollte so schnell wie möglich von hier verschwinden und auf keinem Fall einem riesigen, fremden Typen im Fellmantel folgen, der ihr mitten im Wald begegnet war. Aber sie wagte es nicht, einen einzigen Schritt zu setzen – weder ihm nach, noch von ihm fort.

Vielleicht spürte der Fremde ihre Unsicherheit, denn er blieb nach wenigen Schritten stehen, drehte sich zu ihr um, kam lautlos zurück und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Kef.“

Ella zögerte. 

„Keine Sorge, ich beiße nicht. Zumindest niemanden, der es nicht verdient hätte.“ Kef lachte leise. 

Der heisere Ton trug etwas so Vertrautes in sich, das sie schließlich doch seine Hand ergriff. „Ella.“

„Schön dich kennen zu lernen, und jetzt komm lieber mit, wenn du Wode nicht noch einmal begegnen willst.“

Die Vorstellung ließ Ella schaudern. Als Kef losmarschierte, folgte sie ihm. Alles war besser als allein zu sein, oder noch einmal diesem Wode zu begegnen. Außerdem wusste Ella, dass sie die Straße erreichen würden, sobald sie diesen steilen Hang durch den Wald hinabgeklettert waren, und dann war ihr Wohnhaus nicht mehr weit. 

Schweigend bahnte sie sich hinter Kef den Weg durch blattloses Gestrüpp. Als sie endlich den Fuß des Berghanges erreichten, wollte Ella ihren Augen nicht trauen. Da war nicht die Straße, wie angenommen, stattdessen rauschte vor ihnen ein kleiner, an Teilen zugefrorener Bach. Waren sie irgendwo falsch abgebogen? Sie konnte sich nicht erinnern, jemals bei ihren Spaziergängen mit Balu diesen Bach gesehen zu haben. 

Ella zuckte keuchend zusammen, als zwei riesige Schatten von der Seite herbeihuschten. 

„Keine Sorge, das sind meine Freunde“, beruhigte Kef sie, dann sprach er in die Dunkelheit: „Zeigt euch bitte von eurer lieben Seite.“ Wieder lachte er heiser.

Nun erkannte Ella, dass es sich bei den Schatten um zwei Hunde handelte. Mittelgroß und zottelig, ein wenig erinnerten sie sie an Balu. Schweifwedelnd kamen sie auf Ella zugelaufen. Verwirrung und Angst wichen von ihr, als sie den Ersten der beiden Hunde übers Fell strich. 

„Kommt“, sagte Kef und die beiden Hunde sausten los, auf den schmalen Weg, der neben dem Bachbett entlangführte. Während Ella ihnen und Kef folgte, wunderte sie sich nicht einmal mehr darüber, wo sie hier waren oder was genau es mit Wode, Kef und seinen Hunden auf sich hatte. Sie merkte nur, wie sehr sie es vermisst hatte, so wie jetzt durch den Wald zu streifen. Plötzlich knirschte es unter ihren Schuhsohlen. Schnee? Wo kam der plötzlich her? Gerade eben waren sie noch über harten, gefrorenen Boden gegangen. Und nun lag überall um sie herum Schnee, hockte auf den Ästen der Bäume, überdeckte den Boden und sogar vom Himmel fielen dicke Flocken herab. Begeistert streckte Ella die Arme zur Seite aus und lief an Kef vorbei, bis sie direkt hinter seinen beiden Hunden war. Als Lichter auftauchten, blieb sie verwundert stehen. Wie zwei Beschützer stellten sich die Hunde neben sie, während Ella den Mund vor Staunen nicht mehr zubekam. Vor ihnen säumten Laternen links und rechts den Weg, ihr warmes Licht zitterte über den Schnee und ließ die fallenden Schneeflocken funkeln. Es mussten Kerzen oder Öllampen in den Laternen sein, denn ihr Licht tat Ella kein Bisschen in den Augen weh. Sie war nun wirklich kein Fan von Kitsch, und Weihnachten hatte sie, seit sie im Handel arbeitete, zu hassen gelernt, aber was vor ihnen lag, sah so idyllisch aus. Es erinnerte sie an die Illustrationen der Kinderbücher, die sie zu Weihnachten gelesen hatte und seit einer Ewigkeit spürte sie wieder diesen speziellen Zauber, den sie als Kind zu dieser Jahreszeit immer wahrgenommen hatte. 

Aber das alles ist völlig unmöglich, mischte sich ihr Verstand ein. Sie hatte mit Balu auf ihren zahlreichen Spaziergängen den gesamten Wald durchforstet, sie hätte doch bestimmt irgendwann diesen wunderschönen Ort entdeckt.

Eine Hand legte sich auf ihren Rücken. Kef nickte ihr lächelnd zu, aber wandte den Blick schnell wieder nach vorn, als sie sich ihm zudrehte. „Verstrick dich nicht in Gedanken, das hindert dich nur daran, den Moment zu erleben.“ Er trat an ihr vorbei, in den zitternden Schein der Laternen. Sie folgte ihm wieder, die Hunde liefen schweifwedelnd neben ihnen her. Hinter der nächsten Kurve tauchte eine Hütte auf. Warmoranges Licht sickerte durch die Fenster auf die verschneite Landschaft. 

Kef und seine Hunde steuerten auf die Hütte zu und Ella fühlte sich immer mehr wie in einem Traum, während sie ihnen durch die schwere Holztür ins Innere folgte. Es war eine einfache, urige Hütte, wie aus längst vergangenen Zeiten. Eine offene Feuerstelle nahm die Mitte des Raumes ein, gemächlich züngelten die Flammen in die Luft, der Rauch verschwand durch den gleich darüber liegenden Kamin. Doch niemand, der das Feuer hätte hüten können, war zu sehen. Dafür roch es herrlich angenehm nach verbrannten Tannenzweigen, Harz und Wacholder. Kef stellte sich ans Feuer, streckte die Arme aus und wärmte seine Hände an den Flammen. Die Hunde platzierten sich links und rechts von ihm. Täuschte sich Ella, oder sahen sie plötzlich größer aus? Ihre Schnauzen wirkten länger und ihr Blick irgendwie … wilder. 

„Wir haben nicht mehr viel Zeit, lange können wir uns seinem Ruf nicht mehr verwehren, aber ein Freund hat um Hilfe gebeten und wir Hunde halten immer zusammen.“ Kef lachte leise und Ella runzelte verwirrt die Stirn. „Der Freund will, dass ich dir Folgendes sage: Es wird Zeit, nach vorn zu blicken.“ Es folgte eine Pause, in der Kef auf seine vor dem Feuer ausgestreckten Finger starrte. „Und du sollst dir nicht alles gefallen lassen, das soll ich dir auch sagen. Mach nicht jeden Blödsinn mit. Wenn dir etwas dumm und unnötig erscheint, dann sag das auch. Deine Würde muss erhalten bleiben.“ Nun drehte sich Kef Ella zu. Die Flammen erhellten sein Gesicht und Ella stolperte entsetzt zurück. Jetzt, da sie ihn im Feuerschein sah, wurde ihr schlagartig klar, was so seltsam an seinem Blick gewesen war. Er hatte keine menschlichen Augen, ihnen fehlte jegliches Weiß. Die runden, dunkelbraunen Augen eines Hundes schauten sie an. 

Kef machte eine beschwichtigende Geste. Er wollte etwas sagen, doch ein plötzliches Windgeheul riss ihm die Worte von den Lippen. Zugleich warfen die Hunde ihre Köpfe in den Nacken und stimmten mit einem markerschütternden Ton in das Heulen ein. 

„Wir werden dir einen Gefährten schicken“, rief Kef, dann verzerrte sich sein Gesicht. Vor Ellas entsetzten Augen wuchs seine Nase in die Länge, lange, spitze Zähne blitzten aus seinem Kiefer und zotteliges Fell sprießte aus all seinen Poren, bis auch er als riesiger Hund vor ihr stand und mit dem Sturm mitheulte.

Kreischend sprang Ella zurück. Noch im Sprung fuhr sie herum, doch bevor sie die Türschnalle ergreifen konnte, knallte die schwere Tür von selbst auf. Vor ihr auf der Schwelle stand Wode, sein glänzendes Licht flutete den Raum und sein langes, weißes Haar peitschte im Wind. Hinter ihm tobte ein Sturm, aus dem geisterhafte Fratzen hervorgrinsten und wieder verschwanden, ein ganzes Heer schien in dem Sturm gefangen zu sein. Das Donnern von Hufen vermischte sich mit wildem Gegröle und flehendem Geheul. „Zu mir, meine Hunde. Es wird Zeit für die Jagd.“ Wode schlug seinen Stock zu Boden, im nächsten Moment riss ein gewaltiges Beben Ella von den Beinen. Drei riesige Hunde sprangen jaulend über sie hinweg, verschmolzen mit Wodes weißglänzendem Schein und tauchten ein in diesen alles verschlingenden Sturm. Mit schwingendem Stock wirbelte Wode herum, dann jagte er als gleißend heller Sternenschweif in die Luft. Schützend warf sich Ella die Hände vor die Augen. 

Im nächsten Moment herrschte Stille. Vorsichtig nahm Ella die Hände vom Gesicht und öffnete die Lider. Zuerst sah sie nur Dunkelheit, dann, allmählich, erkannte sie die zarten Linien von Ästen über sich, dahinter funkelten Sterne vom schwarzen Himmel herab. Sie spürte Nässe an ihrem Rücken und ihre Glieder waren steif vor Kälte. Benommen rappelte sie sich auf und sah sich um. Kein Wode, keine Hunde, keine Hütte, kein Feuer. Sie war wieder im Wald, lag mitten im Gestrüpp. Wie war sie hierhin zurückgekommen? 

Der Wind rauschte durch die Äste und ließ Ella frösteln. Hektisch kam sie auf die Beine und kletterte hinauf auf den Pfad. Unmöglich. Alles, was sie erlebt hatte, war vollkommen unmöglich. Vielleicht war sie ausgerutscht, hatte sich alles nur eingebildet … Sie wagte es nicht, zurückzublicken, während sie den Waldweg hinab hetzte. Kein einziges Mal drehte sie sich um, zu groß war die Angst, wieder eine Gestalt, die es nicht geben konnte, zu sehen. Ihr Herz hämmerte den gesamten Weg bis zu ihrem Wohnhaus in der Brust. Vor ihrer Wohnungstür angekommen, zitterte sie so heftig, dass sie den Schlüssel fast nicht ins Schloss bekam und als sie endlich im Inneren war, sperrte sie schnell die Tür hinter sich ab. Aber selbst in ihren eigenen vier Wänden fühlte sie sich nicht sicher. Es musste Einbildung gewesen sein, etwas anderes war einfach nicht möglich. Vielleicht war sie hingefallen, hatte sich den Kopf gestoßen und deshalb halluziniert. Sie tastete sich den Schädel ab, konnte aber keine Beule finden, nicht einmal eine schmerzende Stelle. 

Bis spät in die Nacht fand sie keinen Schlaf und als am nächsten Morgen der Wecker klingelte, fühlte sie sich, als hätte sie kein Auge zugetan. 

Vor dem Haus empfing sie ein lebhafter Wind, der mit kräftigen Böen an den umstehenden Bäumen riss. Jedes Mal, wenn der Wind ein leises Heulen ausstieß, schauderte Ella innerlich und sah wieder all die verstörenden Bilder vor sich. 

„Dieses Jahr sind Wode und die wilde Jagd aber früh unterwegs“, erklang neben ihr eine Stimme.

Ella horchte auf und sah den älteren Mann, der mit ihr an der Bushaltestelle wartete, verwundert an. „Haben Sie gerade Wode gesagt?“

Der Mann nickte. „So hat man ihn früher bei uns genannt. Du kennst ihn wahrscheinlich eher als Wotan oder als Odin. Der Anführer der wilden Jagd.“ Als Ella ihn sprachlos ansah, lachte der Mann. „Noch nie von Wotan und der wilden Jagd gehört? Er reitet mit seinem Geisterzug durch die Lüfte.“ Der Mann blickte in Richtung des Waldes, wo die Wipfel der Bäume im Wind schwankten. „Früh sind sie unterwegs in diesem Jahr. Normal wüten Wode und sein Heer erst zwischen Weihnachten und Dreikönigstag.“

Ella musste schlucken. „Sind … sind da auch Hunde dabei?“

„O ja, Hunde, Geister, Krieger und noch ganz andere wilde Wesen. Pass bloß auf, dass du ihnen nicht begegnest.“ Der Mann lachte und wandte sich dem Bus zu, der gerade in die Haltestelle einfuhr. 

Ellas Mund blieb offen stehen, sie konnte weder sprechen, noch einen klaren Gedanken fassen. Mit wackligen Knien stieg sie in den Bus ein und taumelte bis zur letzten Reihe, wo sie auf einen der freien Sitze sank und über die Worte des Mannes nachdachte.

Selbst in der Arbeit bekam sie Wotan und die wilde Jagd nicht aus dem Kopf. Als irgendwann ihre Chefin Luise vor ihr stand, den Christbaum-Haarreif in der Hand, wusste Ella im ersten Moment gar nicht, was sie von ihr wollte. 

„Den hast du heute vergessen.“ Luise lächelte. Sie war zwar niemals wirklich böse oder gemein, aber sie war eine dominante Frau und Ella hatte bisher selten den Mut gefunden, vor Luise ihre Bedürfnisse auszusprechen. Doch nun erinnerte sie sich an die Worte, die Kef an sie gerichtet hatte, kurz bevor er sich verwandelt und mit seinem Rudel in die Lüfte abgehoben war. „Ich werde das nicht mehr tragen“, sagte Ella. 

Stutzig, als hätte sie sich verhört, hob ihre Chefin die Augenbrauen.

„Ich bekomme Kopfweh von diesem Ding und außerdem glaube ich nicht, dass es unsere Umsätze steigert, wenn wir einen Baum aus Plastik auf dem Kopf tragen.“ 

Ihre Chefin blinzelte. „Es sind doch nur noch drei Tage bis Weihnachten, so lange wirst du es wohl noch aushalten.“

„Wenn Ihnen dieser Baum am Kopf so gut gefällt, dann setzen Sie ihn sich doch selbst auf“, erklang eine vertraute Stimme hinter Ellas Chefin.

Erschrocken fuhr Luise herum und blickte in das faltige Gesicht von Frau Willfurt. Diese führte einen Hund mit zotteligem, schwarzbraunem Fell an der Leine, den Ella noch nie gesehen hatte. Die dunkelbraunen, runden Augen, die ihr direkt ins Gesicht blickten, erinnerten sie an Kef.

„Diese Bäume sind fürchterlich. Es wundert mich, dass Ihre Mitarbeiterinnen sie überhaupt getragen haben“, regte sich Frau Willfurt weiter auf, woraufhin Luise mit hochrotem Kopf abzog.

Frau Willfurt blickte ihr triumphierend hinterher, dann wandte sie sich Ella zu. „Meine Liebe, sei so nett und häng das bei euch auf.“ Sie reichte ihr einen Zettel. „Ich hoffe für ihn noch immer auf ein Weihnachtswunder.“ Mit einer Kopfbewegung deutete Frau Willfurt auf den zotteligen Hund am Ende der Leine. „Er ist jetzt schon ein halbes Jahr bei uns, sein Besitzer ist verstorben, und er ist so furchtbar traurig im Tierheim. Er braucht endlich jemanden, der ihn liebt.“

Immer noch sah der Hund Ella direkt in die Augen. Wir werden dir einen Gefährten schicken, hörte sie Kefs Ruf als Erinnerung in sich. Sie blickte auf das Papier in ihrer Hand und stieß ein Schnauben aus, als sie neben dem Bild des zotteligen, schwarzbraunen Hundes seinen Namen las: Wotan. „Ein Weihnachtswunder.“ Ella schüttelte mit einem ungläubigen Lachen den Kopf. „Keine Einbildung, sondern ein Wunder. Ein wildes, unfassbares Wunder.“

„Wie bitte?“ Frau Willfurt runzelte die Stirn und als Ella entschlossen das Papier in ihrer Hand zerknüllte, entglitten ihr vollends die Gesichtszüge.

„Das brauchen wir nicht mehr“, sagte Ella, warf das zerknüllte Papier in den Müll und lächelte glückselig. Schon lange war sie sich einer Sache nicht mehr so sicher gewesen. „Ich würde Wotan gerne bei mir aufnehmen.“